24. Februar 2011

Sonne am Tag, Polarlichter in der Nacht. Wunderschöne Farben hat Lappland im Februar zu bieten.

Seit einer Woche bin ich nun schon hier, in meinem kleinen Appartement im Wildnishotel Korpikartano im Rentierzüchterort Menesjärvi am gleichnamigen See im finnischen Teil Nordlapplands. Was mich hierher verschlagen hat? Der Weg hatte jedenfalls zahlreiche Kurven und Sackgassen. Letztlich bin ich Mitte Februar mit der Fähre von Travemünde nach Helsinki, von Helsinki mit dem Autoreisezug über Nacht nach Rovaniemi und die letzten 350 km eben auf der E 75 nach Inari und dann die 955 nach Menesjärvi gefahren. Mein Auto war bis unters Dach vollgestopft. Bislang sieht es so aus, als hätte ich an alles halbwegs Wichtige gedacht. Rennrad, Mountainbike, Rolle zum Trainieren, Kaffeemaschine, Kaffeebohnen und Toaster. Klar, die Räder brauch ich zur Zeit hier noch nicht, außer auf der Rolle in meinem Zimmer. Draußen liegt Schnee, sicher mindestens einen Meter hoch, die Straßen sind geräumt, aber längst nicht schneefrei und die Temperaturen pendeln zwischen -38 Grad und maximal -9 Grad. Kein ideales Trainingswetter für Outdoor-Cycling. Egal, ich werde ja länger bleiben, im Sommer werden sich sicher ausreichende Trainingsmöglichkeiten im Wald und auf der Straße ergeben.

Aber ich war ja bei der Erklärung, wie ich hierher gekommen bin. Fähre, Zug usw. war die logistische Erklärung. Aber warum? Warum ein Umzug von einer mittelhessischen Kleinstadt in die Einsamkeit Nordlapplands? Was veranlasst eine bislang recht erfolgreiche Anwältin, die lange Ausbildungszeit und die aufgebaute eigene Kanzlei aufzugeben, um in Finnland ein ganz anderes Leben zu beginnen? Vielleicht kann ich die ganz persönlichen Erklärungen hier gar nicht liefern, aber ich kann bestimmt nachvollziehbar erklären, warum es mich gerade hierher gezogen hat.

Menesjärvi ist ein kleiner Rentierzüchterort mit ca. 130 Einwohnern, die aber weit verstreut auseinander wohnen. Nachbar ist hier auch noch jemand, der 3 Kilometer entfernt wohnt. Menesjärvi liegt unweit des Lemmenjoki Nationalparks und 30 km entfernt von Inari, dem Kulturzentrum der Inari-Samen am Inarisee. Hier „in the middle of nowhere“ bin ich gelandet, weil Anne und Timo im letzten Jahr das Wildnishotel Korpikartano gekauft haben. Anne und Timo sind die beiden Betreiber der Reiseagentur in Inari, die ich bei meinem ersten Urlaub in Inari kennen gelernt habe. Inzwischen habe ich einige Urlaube in Inari verbracht, meist im Winter, mit viel Schnee und niedrigen Temperaturen. Das Licht und die Farben Lapplands haben mich von Anfang an fasziniert. Irgendwann war der Wunsch, sich hier länger aufzuhalten, immer größer.

Erst nur im Spaß haben Anne und ich über Jobs in Inari gesprochen. „We keep in touch“ sind wir meist verblieben. Keine von uns dachte wohl, dass die jeweils andere es ernst meinte. Aber in mir nahm der Wunsch immer mehr Raum ein und bei Anne undTimo verstärkte sich das Bedürfnis eines deutschsprachigen Mitarbeiters. Aus immer öfter erfolgten „Spaß-Gesprächen“ wurde im Januar auf einmal Ernst.

Da begann es bei mir mit der Frage nach einer Wohnung in Inari und dem Angebot von Anne, doch erstmal in ein kleines Ferienappartement im Hotel zu ziehen. Klang verlockend. Dadurch entfiel der Stress eines vollständigen Umzugs mit Möbeln und die Kosten waren auch erstmal begrenzt. „Ab wann kann ich dort einziehen?“, fragte ich am 17. Januar. „Wir sind Mitte Februar eine Nacht komplett ausgebucht, aber da könntest du auch bei uns schlafen“. „Wie, das ist in 3-4 Wochen? So schnell?!“ Darauf die Antwort: „Okay, lass dir halt soviel Zeit, wie du brauchst.“

Wie viel Zeit brauchte ich, um meine Auswanderung von Deutschland nach Finnland komplett zu machen? 3 ½ Wochen!

Okay, ein paar Dinge muss ich im April noch klären, aber das Wichtigste hab ich tatsächlich geschafft und bin mit meinen Rädern und der Kaffeemaschine am Abend des 13. Februar in Richtung Travemünde abgefahren. Manchmal glaub ich es selber nicht so recht. Am Mittwoch, 16. Februar, hab ich mich hier in meinem Ferienappartement eingerichtet. Seit ich in Finnland bin, scheint die Sonne. 8- 8 ½ Stunden am Tag.

Klar ist es kalt hier, ist ja auch Winter. In meiner ersten Nacht in Menesjärvi hatten wir -38 Grad. Es zog ganz schön frisch durch die Holzfenster. Seither hab ich etwas Paketklebeband vor ein paar Ritzen geklebt. Aber inzwischen sind die Temperaturen auch gestiegen. Meist ist es morgens so um die -25 Grad, tagsüber wärmt es sich ein wenig auf. Wenn ich gegen Mittag 2-3 Stunden durch den Wald gehe, um die Gegend zu erkunden, wird mir recht schnell warm. Bloß der kalte Wind auf dem zugefrorenen See macht mir zu schaffen und hat auch schon für „Gefrierbrand“ am rechten Ohr gesorgt. Selber schuld, wenn dummes deutsches Mädel auchunbedingt meint, es reiche die „normale“ Mütze ohne Ohrenklappen. Besser also dann doch die finnische (oder lappländische) Fellmütze mit eingebauten Ohrenwärmern.

Jetzt bin ich immer noch in der Erklärung des Weges und des Zeitplans. Warum also nun der finnische Teil Nordlapplands? Das kann ich mit Worten gar nicht erklären. Dazu sind die Bilder sicher am Aussagekräftigsten. Diese Farben!!! Ein Traum. Ein Wintermärchen.

Lappland hat mich mit seiner Natur und seinem Licht verzaubert. Aber auch die Menschen sind ganz besonders. Hilfsbereitschaft ist hier nicht nur ein Wort. Das wird ganz selbstverständlich gelebt – und zwar auch gegenüber wildfremden Menschen. Üblicherweise wird sofort unmittelbar geholfen. Wenn dies nicht selbst möglich ist, greifen die Finnen und Samen direkt zu ihrem immer griffbereiten Handy und rufen jemanden an, der helfen kann. Da gibt es keine Diskussionen wann und wer. Nein, es wird sofort erledigt. Zu Beginn konnte ich das kaum glauben. Aber die Menschen sind hier einfach so. In der Weite der Landschaft und den Entfernungen ist eben jeder auf jeden angewiesen. Man kann nicht mal eben um die Ecke in den Supermarkt gehen, um ein Pfund Salz zu kaufen. Für mich ist der nächste Supermarkt 30 Kilometer entfernt – in Inari. Brauche ich mehr als der „Dorfladen“ dort hergibt, muss ich nach Ivalo fahren: 70 Kilometer.

Ein Stadtbummel mit Shops und Klamotten ist erst in Rovaniemi möglich: 350 Kilometer. Aber wer braucht das schon, wenn man die schöne Natur direkt vor der Haustür hat, wenn Rentiere morgens den Schnee vor der Haustür umgegraben haben, wenn Nordlichter direkt über dem Haus stehen und die Nacht grünlich erleuchten.

Finnland wirkt auf mich als das Land, das Toleranz und multikulturelles Zusammenleben erfunden zu haben scheint. Straßenschilder sind hier zweisprachig: Finnisch und Inari-Sami. Finnen und Samen wachsen gemeinsam und mehrsprachig auf und verbinden moderne Neuzeit mit traditionellen Handwerksbräuchen, Rentierzucht, Jagd und Fischerei. Multikulturelles Zusammenleben wird schon seit Jahrhunderten gelebt, denn die Kultur der Samenvölker ist seit jeher international. Sie leben in vier Staaten: Finnland, Schweden, Norwegen und Russland. In Finnland haben sie viele eigenständige Rechte, Kulturzentren, Parlament, Radio- und TV-Sender, die Sprache wird im Kindergarten und in der Schule gesprochen. Selbst der Tourismus berücksichtigt die Naturverbundenheit der Sami und versucht, deren Traditionen einzubinden. Was in Mitteleuropa als Öko-Tourismus gilt, ist hier selbstverständlich.

Das sind also meine Gründe für Lappland. Wenn der Schnee ab Mai schmilzt, werde ich sicher meine Räder auch draußen mal testen können. Dann werden wir für die Sommersaison Mountainbikerouten ausarbeiten, damit die hoffentlich zahlreich erscheinenden Gäste, die sich für die Natur interessieren, nicht nur wandern, sondern auch im Wald Rad fahren können, ohne sich zu verfahren. Als Ausgangspunkt für sämtliche Natur-Aktivitäten eignet sich das Wildnishotel Korpikartano bestens. Es bietet eine freundliche und komfortable Atmosphäre und hochwertigen Service ganz nach den jeweiligen und individuellen Vorstellungen der Gäste. Die Gebäude des Hotels waren ursprünglich seit den 1950er Jahren eine samische Grundschule. Im Jahr 2005 wurde die Schule geschlossen und die damaligen Inhaber begannen mit der Renovierung, um ein möglichst originalgetreues Wildnishotel direkt am Seeufer zu errichten.

Seit 2008 ist der Umbau abgeschlossen und überall ist die Einzigartigkeit der Hotelanlage zu spüren, da mit der Verwendung handgefertigten Holzes der ursprüngliche samische Stil Berücksichtigung fand. Das Anwesen besteht aus zwei Haupthäusern, lappländischen Ess- und Tagungs-Hütten für bis zu 50 Personen, einer mit Glas überdachten Grillhütte, einer Feuerstelle, einem Restaurant mit Seeterrasse und einer Sauna am Seeufer mit einem entspannenden heißen Pool.

Im Sommer stehen Kanus und Kajaks zur Verfügung. Am, um, im und auf dem See kann gefischt und geangelt werden. Zudem ist die Landschaft um den See sowie der nahegelegene Lemmenjoki Nationalpark ein wunderbares und abwechslungsreiches Revier für Wanderungen. Im Winter eignet sich die Landschaft um den Menesjärvi zum Wandern, Skilanglauf, Schneeschuhtouren und vor allem, um schillernde Polarlichter am klaren Himmel des Nordens zu sehen. All dies hab ich nun vor meiner Haustür. Wer vermisst da schon noch die Hektik einer Anwaltskanzlei mit Nachbarschaftsstreitigkeiten und Verkehrsunfällen, die aus der Perspektive hier hoch im Norden kaum nachvollziehbar erscheinen?

Viele Freunde haben zu meinem Umzug hierher gesagt: „Da ist es doch kalt und dunkel.“ Kalt ist es schon, aber dunkel?! Nein, keine Spur. Selbst zu Zeiten der Polarnacht ist es nicht nur dunkel. Tagsüber ist Dämmerlicht und die Nächtewerden durch sternenklaren Himmel mit hellem Mondlicht auf weißem Schnee wunderbar erhellt. Die Nächte sind eben nicht so finster und düster wie in Mitteleuropa.

„Luxury of Silence“ ist das Motto des Hotels Korpikartano in der englischsprachigen Broschüre. Ich nenn es lieber „Zauber der Stille“. Luxus ist es auch, aber mich hat die Natur hier doch eher verzaubert. Das Licht, die Vielfalt Lapplands, die so wunderbar verbundenen Gegensätze, die Farben des Himmels und die unberührte Natur bezaubern mich jeden Tag aufs Neue.

Die Fotos sind von mir und Timo Halonen bzw. Inari Event Lapland

2 Antworten auf 24. Februar 2011

  1. Peter Krautscheid sagt:

    Hallo Marion,
    ist ja abgefahren
    ich wünsche dir alles liebe und gute in deiner neuen Heimat

    Gruß

    Peter

    • Anya sagt:

      Lieber Peter,

      vielen Dank für Deinen Kommentar! Deine guten Wünsche an Marion haben wir natürlich umgehend an sie weitergeleitet. Demnächst gibt’s Neues aus Nordlappland – schau doch einfach wieder mal vorbei.

      Viele Grüße aus der Redaktion
      Anja

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