Folkelarm 2013 – so klingt der Norden

Mit Folkelarm hat der Norwegische Verband für Traditionsmusik und -tanz im Jahr 2005 ein mitreißendes Festival im Zeichen nordischer Klänge ins Leben gerufen. Wie sich das anhört? Einfach grandios! Wie außergewöhnliche Künstler Ende September an zwei besonderen Veranstaltungsorten eindrucksvoll bewiesen haben.

So ziemlich mitten in Oslo, im Stadtteil Grünerløkka findet sich auf dem Gelände der ehemaligen Brauerei Schous ein hochmoderner Neubau: Riksscenen. Diese mit allen technischen Finessen – inklusive angeschlossenem Tonstudio – ausgestattete Location wurde vor wenigen Jahren eigens für traditionelle Musik- und Tanz-Veranstaltungen gebaut. Seitdem wird der renommierte Norwegische Volksmusikpreis Folkelarmprisen auch hier, auf der Bühne des großen Saals im ersten Stock, an die besten Musiker des Genres verliehen. Die bei Konzerten in den beiden lauschigen Kellerräumen zum Greifen nah sind. Atmosphärisch zu toppen ist das noch von Auftritten in der stimmungsvollen Kulturkirche Jakob, die knappe fünf Gehminuten entfernt auf der anderen Seite der Ankerbrücke steht. Hier fand auch in diesem Jahr wieder das Folkelarm-Eröffnungskonzert statt, dem drei Tage lang nordisch inspirierter Ohren- (und Augen-) Schmaus der ganz besonderen Art folgten.

Volles Programm

Es war ein echter Musikmarathon, den Folkelarm Projekt-Manager Sigurd Reinton und sein Team auf die Beine gestellt haben. Ob als Solist, Trio, Quartett oder Ensemble – mehr als 40 Musiker plus zwei Tänzer gaben drei Tage lang in 24 großartigen Konzerten und zwei atemberaubenden Tanz-Shows sich und einem begeisterten Publikum die Ehre. Nach dem musikalischen Festival-Auftakt am Mittwochabend standen ab Donnerstag jeweils bis zum Nachmittag verschiedene Seminare und Workshops für professionelle Vertreter der Musikindustrie auf dem Programm. Zeit für die Künstler (die alle mindestens zwei Mal auftraten!), sich ein wenig auszuruhen und auf den nächsten Auftritt vorzubereiten. Dass traditionelle Musik und traditioneller Tanz in den skandinavischen Ländern keineswegs Schnee von gestern sind, beweist nicht nur die Tatsache, dass man beides an angesehenen Hochschulen studieren kann. Wie angesagt und regelrecht modern nordische Volksmusik auch ist, demonstrierte vor allem die hier angetretene Garde junger Musiker äußerst eindrucksvoll.

Der Ernste, die Elfe und das Energiebündel

Wie der 23-jährige Erlend Apneseth, der 2012 den Debütantenpreis der norwegischen Plattenfirma Grappa gewonnen hat. Wenn der junge, ernst wirkende Norweger völlig in Konzentration versunken auf seiner wunderschön verzierten Hardanger-Fidel spielt, verschmilzt er förmlich mit der Musik und zieht den Zuhörer gänzlich in deren Bann. Wunderschön! Sein erstes eigenes Album Blikkspor ist gerade erschienen – und ganz zeitgemäß auch auf iTunes erhältlich. In mystische, märchenhafte Musikwelten entführt Elin Kåven. Die Nordnorwegerin liebt Elfen nicht nur, sie sieht auch aus wie eine. Ihre samischen Wurzeln lebt die Musikerin, deren zweites Album MÁIZANTHAW soeben fast europaweit und auch in Deutschland erschienen ist, auch auf der Bühne. Und schmückte sich dazu passend bei ihren Folkelarm-Konzerten mit Rentiergeweih. Musikalisch und optisch ein Erlebnis! Als weiteres Paradebeispiel für den Variantenreichtum nordischer Musik(er) glänzte die energiegeladene Emilia Amper. Die Schwedin ist ein echter Star. Sie spielt das seltene Instrument Schlüsselgeige, singt, hat bereits mehrere Preise gewonnen, war für zwei Grammys nominiert und kein geringerer als der legendäre Deep Purple Mitbegründer und geniale Hammond-Orgelspieler Jon Lord hat extra ein Stück für sie geschrieben. Im Anschluss an ihre mitreißenden Folkelarm-Auftritte ging es für Emilia übrigens nach Deutschland. Diesmal aber nicht zu Konzerten, sondern Schlüsselgeigen-Workshops an der Akademie Burg Fürsteneck.

Norden trifft Süden und Osten

Musik ist eine Weltsprache, die ganz ohne Worte die unterschiedlichsten Kulturen vereint. Siehe Stockholm Lisboa Project und Tiar. Letzteres ist ein ungewöhnliches Trio, in dem der norwegische Saxofonist Lars Lien und sein Kontrabass spielender Landsmann Åsmund Reistad mit ihrem libanesischen Kollegen Geko Fattal und seiner Laute arabische Klänge und norwegische Rhythmen zu mal melancholischen, mal spielerischen Stücken vereinen. Und solchen, die statt in einer umfunktionierten Kirche in Oslo genauso gut in einem trendigen New Yorker Jazz-Keller gespielt werden könnten. Man darf also gespannt sein auf das erste, noch in diesem Jahr beim Plattenlabel LAWO erscheinende Album von Tiar. In ganz südliche Gefilde versetzen die vier Mitglieder von Stockholm Lisboa Project ihre Zuhörer musikalisch. Fado-Sängerin Micaela Vaz und der ebenfalls aus Portugal stammende Geiger und Sänger Sérgio Crisóstomo haben sich gemeinsam mit den beiden Schweden Filip Jers und Simon Stålspets stilistisch erklärtermaßen „Fado, Polka und darüber hinaus“ verschrieben. Das unkonventionelle Quartett fand nicht nur bei Folkelarm zahlreiche Fans – mit ihrem neusten Album Aurora haben die vier Musiker in diesem Jahr auch den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ in der Rubrik „Folk und Folklore““ gewonnen.

Tausend tolle Töne

Jeder der insgesamt 13 verschiedenen Show-Acts war ein Erlebnis für sich. Die vier jungen Schweden von Kolonien – Arvid und Erik Rask, Anna Möller und Mischa Grind – rockten mit ihrem Mix aus Folk-Pop und Reggae jeden Saal. Das junge, norwegisch-schwedische Quartett Firil, bestehend aus Margit Myhr, Olav Mjelva, Anders Hall und Adam Johansson begeisterte schon allein mit einer gelungenen Mischung aus traditioneller und zeitgenössischer Musik; die feine, glasklare Stimme von Sängerin Margit tat ihr Übriges. Genauso schön, gut gelaunt und berührend war die musikalische Darbietung der vier jungen Vollblutmusiker Olaug Furusæter aus Norwegen, Sven Midgren und Larisa Ljungkrona aus Schweden sowie Benjamin Bech aus Dänemark, die das Quartett Tranotra bilden und von traditioneller Tanzmusik bis zu Svens Eigenkomposition eine eindrucksvolle Kostprobe ihres Könnens gaben. Auch das europäische Trio Mala Fama, bestehend aus der Schottin Sarah-Jane Summers, dem Finnen Juhani Silvola und dem Norweger Morten Kvam lieferte mit eindeutig schottisch angehauchten Klängen und spielerischen Anekdoten Unterhaltung vom Feinsten. Ebenso wie die sechs Mann starke englisch-norwegisch-schwedische Band Fat Dog, zu deren Standardausrüstung eine Drehleier gehört und die unter anderem neben einem französischen Chanson auch ein irisches Shanty zum Besten gab. Nicht zu vergessen das fünfköpfige P. A. Røstads Orkester, das 2013 sein stolzes 50. Jubiläum feiert!

Ausgezeichnet und atemberaubend

Gefeiert wurden auch die Besten der Branche. Mit der Verleihung des Folkelarmprisen am Samstagabend. Einer stand dabei gleich mehrfach auf der Bühne: Fidelspieler Olav Mjelva. Gemeinsam mit Firil sorgte er zunächst für den musikalischen Auftakt der Preisverleihung. Und heimste gleich darauf den ersten Preis in der Kategorie „Traditionelles Zusammenspiel“ (für das mit dem Schweden Erik Rydvall gemeinsame Album Isbrytaren) ein. Nach weiteren Unterhaltungseinlagen von Erlend Apneseth und Emilia Amper (die modebewusst ihren Glitzerpullover vom Nachmittag gegen eine Glitzerhose am Abend getauscht hatte) spielte Olav dann als Teil des Unni Boksasp Ensembles – das prompt den diesjährigen Preis in der „Offenen Klasse“ gewann. Zeit zum Verschnaufen blieb dem 29-Jährigen aus dem mittelnorwegischen Røros aber nicht, denn direkt im Anschluss wurde er auch noch mit dem „Freien Preis“ geehrt, bevor er dann wieder im gemeinsamen Auftritt mit Firil diesen Teil des Abends musikalisch beendete. Absolut preisverdächtig ist außerdem die Leistung von Villniss. Mit spektakulären, musikalisch von Andreas Ljones und Andreas Bratlie begleiteten Tanzdarbietungen eroberten Silje Onstad Hålien und Ådne Kolbjørnshus die Herzen der Zuschauer im Sturm. Ein Vorgeschmack, der Lust auf mehr macht: die kleine, aber sehr feine norwegische Tanzkompanie feiert im Januar 2014 mit der Produktion Villniss Premiere im Riksscenen. Wir prophezeien ausverkauftes Haus und Standing Ovations… Übrigens findet hier natürlich auch im nächsten Jahr wieder Folkelarm statt, und zwar vom 24. – 28. September 2014.

Hörproben der meisten diesjährigen Künstler gibt es noch eine Weile unter Program auf der Folkelarm-Website. Und hier eine Liste mit weiteren Links zu den diesjährigen Akteuren. Plus natürlich eine große Bildergalerie. Es gibt viel zu entdecken in der nordischen Musikwelt – norrden wünscht viel Vergnügen dabei!

Text: Anja Otten-Reichel | Fotos: © Rolf Reichel

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